Spezial-Kurs im Monat September: «All in One» mit Ralf Lehmann
8. September 2020

Tipp des Pro’s – Schlägerwahl: Kopf oder Bauch?

Du stehst beim Abschlag eines PAR 3 Loches und versuchst, die Situation einzuschätzen. Distanz zum Loch 140 m, leichter Wind seitlich von vorne, das Grün nach hinten leicht abfallend. Du überlegst dir, welcher Schläger dafür geeignet ist und wie du schlagen sollst, bist hin- und hergerissen und entscheidest dich nach einer ganzen Weile für das 6er-Eisen. Du gehst deine Pre-Shot-Routine durch und machst dich bereit. Während dem Schlag kommen dir Zweifel, du korrigierst während dem schwingen, und…verziehst den Schlag. Du ärgerst du dich gewaltig. Was ist passiert?

Kopf und Bauch

Bei Entscheidungssituationen sind zwei Systeme beteiligt. Dein Verstand und dein Unterbewusstsein. Dein Verstand arbeitet Schritt für Schritt und bewertet eine Situation danach, ob sie richtig oder falsch ist. Triffst du eine Entscheidung mit dem Verstand, kannst du sehr gut und logisch begründen, warum du so entschieden hast und du kannst die Konsequenzen für die Zukunft abschätzen.

Dein Verstand arbeitet langsam und braucht ein wenig Zeit, bis er zu einer Entscheidung gekommen ist. Unter optimalen Bedingungen arbeitet dein Verstand einwandfrei. Er ist jedoch sehr empfindlich für Störungen und fehleranfällig. Deshalb kommt dein Verstand schnell an seine Grenzen. Vor allem wenn du gestresst, genervt, hungrig, müde oder überfordert bist.

Dein Unterbewusstsein (Bauchgefühl) kann gleichzeitig viele Informationen verarbeiten und bewertet eine Situation nach dem Prinzip: “mag ich oder mag ich nicht”. Denn es lebt den Moment (im Hier und Jetzt) und verfolgt nur ein Ziel: psychisches Wohlbefinden. Seine Bewertung kommuniziert das Unterbewusstsein blitzschnell in Form von diffusen Körpersignalen oder Emotionen.

Riesiger Erfahrungsspeicher

Der Hirnforscher Gerhard Roth geht davon aus, dass all deine Erfahrungen im emotionalen Erfahrungsgedächtnis gespeichert sind. Mit diesem riesigen Erfahrungsspeicher arbeitet dein Unterbewusstsein.

Jede deiner Erfahrungen ist mit einer Bewertung im emotionalen Erfahrungsgedächtnis abgelegt. Diese werden nach einem einfachen Prinzip bewertet:

Die Erfahrung war gut für dich, dann wird sie mit einer positiven Emotion (Affekt) in deinem „Belohnungssystem“ gespeichert. War es eine schlechte Erfahrung, hinterlässt sie eine negative Emotion im „Angstsystem“.

Sobald du wieder in eine vergleichbare Situation kommst, meldet sich dein Unterbewusstsein blitzschnell. Es sendet dir diffuse Signale. Der Neurowissenschaftler Antonio Damasio nennt diese Signale „somatische Marker“(„Soma“ ist Griechisch für „Körper“).

Stop oder Go

Somatische Marker kannst du als Körperempfindung, als Emotion oder als einen Mix von beidem wahrnehmen. Die Rückmeldung geschieht aufgrund deiner gemachten Erfahrungen. Diese sind das „Signalsystem“ deines Unterbewusstseins. Es teilt dir mit, ob eine vergleichbare Situation gut für dich war und du dich annähern kannst (Go). Oder ob sie schlecht für dich ausging und du sie besser vermeiden solltest (Stop).

Eine Entscheidung steht an

Distanz zum Loch 150 m, Wind schräg von vorne, das Grün nach hinten leicht abfallend. Du musst eine Entscheidung treffen. Genau genommen ist es eine sehr vielschichtige Entscheidung. Welcher Schläger? Volle Schlägerkopfgeschwindigkeit? Oder nur 80-90% Aufwand? Grün hoch anspielen oder flach reinrollen lassen? Sicher Mitte Grün spielen oder die Fahne anpeilen? etc.

Immer dann, wenn eine Entscheidung bevorsteht, entstehen in deinem Gehirn Vorstellungsbilder von möglichen Szenarien und ihren Folgen. Dies geschieht blitzschnell und unbewusst. d.h. dein Verstand bekommt das gar nicht mit.

„Mit dem 6er-Eisen treffe ich meistens sehr gut und erreiche entsprechend gute Weiten. Die Folge könnte sein, dass der Schlag bei einem optimalen Treffer zu weit geht.“

„Mit dem 7er-Eisen bin ich von der Distanz her auf der sicheren Seite, verziehe jedoch oft bei Wind. Die Folge könnte sein, dass der Ball im Rough oder im Bunker landet …“

Diese Szenarien lösen Körpersignale (somatische Marker) aus.

Wenn eine vergleichbare Situation das letzte Mal einen schlechten Ausgang hatte (Ball ist im Bunker gelandet), gibt das ein unangenehmes Körpergefühl (Klumpen im Bauch, Kloss im Hals). Das heisst, du solltest das vermeiden. War das Ergebnis für dich ein Erfolg (Schlag wie gewünscht gelungen), wird das mit einem guten Körpergefühl quittiert. Das heisst, du kannst das wieder tun.

Somatische Marker sind wichtig für Entscheidungssituationen. Wie du diese wahrnimmst, ist völlig egal. Entscheidend ist, dass du sie wahrnimmst und beachtest!

Das Unterbewusstsein muss mit ins Boot!

Positive Zukunftsaussicht

Im Beispiel „7er-Eisen“ zieht es dir schon alleine beim Gedanken alles zusammen. Dein Verstand sagt dir jedoch: Deine Schläge mit dem 7er-Eisen waren bisher einfach schlecht, weil du den Schlag bei Wind noch nie voll durchgezogen hast. Dies steht in keinem direkten Zusammenhang mit dem 7er-Eisen.

In diesem Fall kannst du deinem Unterbewussten mit dem Verstand das positive Ergebnis schmackhaft machen: „Nehmen wir das 7er-Eisen und ziehen den Schlag wie geplant durch, liegt der Ball in der Mitte des Grüns. Ist der Schlag zu kurz, rollt er noch ein wenig in Richtung Fahne.“ Gefällt diese positive Aussicht deinem Unbewussten – die Aussicht auf das gute Gefühl ist wirklich erstrebenswert -, hast du es im Boot und damit eine gute Entscheidung getroffen.

Wenn du eine Entscheidung triffst, bei der Verstand und Unbewusstes synchron sind, passiert etwas Tolles: Das schlechte Gefühl und die Zweifel verschwinden und du hast für dich eine gute Entscheidung getroffen!

Denn stehst du zu 100 % hinter deiner Entscheidung zum 7er-Eisen und zu deiner Schlagroutine.

Negative Konsequenzen

Dein Unbewusstes sendet dir beim Gedanken an das 6er-Eisen einen negativen somatischen Marker. Weil der Ball auf diese Distanz bei einem guten Schlag immer zu weit geflogen ist. Dein Verstand kommt in diesem Fall zu der gleichen Bewertung. Das heisst Verstand und Unbewusstes bewerten die Situation identisch. Damit ist das Unbewusste im Boot und du kannst das 6er-Eisen im Sack lassen.

Natürlich geht das nicht immer so einfach und fix. Manchmal braucht es einen Moment Zeit und ein paar „Feedbackrunden“ zwischen Verstand und Unbewusstem.

Ein Konflikt

Kommen Verstand und Unterbewusstsein nicht zum gleichen Ergebnis, entsteht ein Konflikt.

Er wird dazu führen, dass du zweifelst, hin- und hergerissen bist und vielleicht Mitten im Schwung von deiner ursprünglichen Entscheidung abweichst. Du wirst korrigieren, ein wenig härter schlagen, den Schwung nicht voll durchziehen oder was auch immer. Die Folgen davon kennst du besser als ich. Der Ball wird dann schlecht getroffen, landet im Rough, im Bunker oder sonst im Juhee. Jedoch nie dort, wo du ihn eigentlich haben wolltest. Ausser du redest den Schlag schön. Das soll auch vorkommen ;-).

Eine zusätzliche Schwierigkeit können Ratschläge oder der Vergleich mit anderen Golfern sein. Bei Unsicherheiten neigst du dazu, auf den Rat anderer zu hören und vernachlässigst deine persönlichen Erfahrungen. Das ist eine zusätzliche Hürde und passiert meistens dann, wenn du das Unbewusstsein nicht im Boot hast.

„Jeder Golfer zeichnet sich durch sein Spiel und seine Stärken aus. Entscheidend sind deine Erfahrungen und deine Fähigkeiten!“

Lerne die Situationen selber einzuschätzen, das hilft dir, gute Entscheidungen zu treffen. Warum? Weil du deine persönlichen Erfahrungen berücksichtigst und in dein Spiel integrierst. „Du weisst am besten, was gut für dich ist!“

Fazit: So gelingt es!

-Nimm die Signale (somatische Marker) aus deinem Unterbewusstsein wahr

-Beachte diese und überlege, woher sie kommen

-Synchronisiere dein Unterbewusstsein mit deinem Verstand

-Nimm dir Zeit für deine Entscheidung

-Entscheide dich auf dieser Basis für deinen richtigen Schläger in der entsprechenden Situation

-Nimm dir Zeit für deine Schlagroutine

-Gehe deine Pre-Shot-Routine durch

-Führe deinen Schlag mit einem guten Gefühl genau wie geplant aus

-Analysiere das Ergebnis nach dem Schlag

-Lerne daraus und integriere es in deinen Erfahrungsschatz

Wenn du mit dem Unterbewusstsein im Boot und selber entscheidest, welcher Schläger für dich der Richtige ist, dann wirst du nie mehr zweifeln und deine Schwünge sicher und selbstbewusst durchziehen.

Schlägerwahl: Kopf oder Bauch? Am besten beides!!!